Hungerstoffwechsel

VI. Realimentation

Hungerstoffwechsel gesundes EssenDie Realimentation (lat. re „wieder“ und alimentum „ Nahrungsmittel“; engl. Refeeding „wiederernähren“) beginnt mit der Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr nach längerem Fasten, nach einer Nulldiät oder einer Hungerkur. Ziel der Realimentation ist die Reaktivierung des anabolen Stoffwechsels nach dem Fasten.

Hungerkuren – Risiken

Wie genau die erneute Nahrungsaufnahme nach einer Hungerperiode erfolgen sollte, hängt von der individuellen Stoffwechselsituation ab. Die unkontrollierte Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr nach einer längeren Hungerphase kann tödlich sein:

Refeeding-Syndrom

Eines der am meisten gefürchteten Risiken nach einer längeren Hungerkur, nach langem Fasten, nach einer Nulldiät oder im Falle von Magersucht (Anorexia nervosa) ist das berüchtigte Refeeding-Syndrom.

Als Refeeding-Syndrom bezeichnet man ein auch für Ärzte nicht leicht zu erkennendes und unbehandelt tödlich verlaufendes Krankheitsbild, das infolge der unkontrollierten Wiederaufnahme der Nahrung in der ersten Woche nach einer längeren Fasten- oder Hungerperiode auftreten kann.

Das Risiko, ein Refeeding-Syndrom zu entwickeln, steigt mit der Dauer der Hungerphase und dem Grad der Unterernährung. Es gibt nur eine Gefahr, die bei massiver Unterernährung noch größer ist:

Den Beginn der kontrollierten Nahrungszufuhr noch länger hinauszuzögern.

3 Ursachen des Refeeding-Syndroms

  1. Entleerte Mikronährstoffspeicher
  2. Zu viel Zucker nach einer Hungerkur
  3. Zu viel Eiweiß nach einer Hungerkur

Zuckervergiftung

Wenn unterernährte Menschen nach einer langen Hungerphase zuckerhaltige Nahrung zu sich nehmen, kommt es zu einem explosionsartigen Anstieg der Blutzuckerkonzentration. Gluconeogenese und Ketonkörperproduktion werden abrupt gestoppt. In dem Bemühen, den explodierenden Blutzuckerspiegel zu senken, schüttet die Bauschspeicheldrüse maximale Mengen Insulin aus, während der Glucagonspiegel schnell abfällt. Muskulatur, Leber und Fettgewebe saugen den Blutzucker aufgrund des höhn Insulinspiegels und der durch die Hungerperiode stark gestiegenen Insulinsensitivität mit hoher Geschwindigkeit aus dem Blut. Der Blutzuckerspiegel fällt ins Bodenlose. Folge davon sind extreme Blutzuckerschwankungen, die den Stoffwechsel extrem belasten.

Weitaus gefährlicher ist das, was das mit Zucker gesättigte Gewebe danach macht:

Muskeln, Leber und Fettgewebe beginnen mit der Umwandlung des Zuckers in Glykogen und Fett. Der zelluläre Kohlenhydratstoffwechsel benötigt große Mengen an Mikronährstoffen, insbesondere Phosphor, Magnesium, Kalium und Thiamin (Vitamin B1), die den umliegenden Gewebsflüssigkeiten (Blut, Lymphe) entzogen werden.

Falls die Mikronährstoffspeicher erschöpft sind, was bei Unterernährten oder nach einer längeren Hungerphase die Regel ist, kommt es zur Bildung schwerer Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen), zu einem akuten Mineralstoff- und Vitaminmangel, insbesondere zu einem Phosphatmangel (Hypophosphatämie) in Herzen und Nieren, der plötzliches Nierenversagen, Herzrasen (Tachykardie), Herzrhythmusstörungen und Herzversagen zur Folge haben kann.

Eiweißvergiftung

Eine andere lebensbedrohliche Gefahr wurde infolge der Aufnahme zu großer Proteinmengen nach einer Hungerkur beobachtet:

In der späten und stabilen Hungerphase wurde der Proteinkatabolismus (Proteinabbau) massiv heruntergefahren. Wenn das Blut nach langer Hungerperiode dann auf einmal mit Aminosäuren aus der Nahrung geflutet wird, kann es vorkommen, dass der Proteinstoffwechsel derart große Mengen Ammoniak (NH3) produziert, dass es zu einer tödlichen Blutvergiftung kommt.

Wer nach einer längeren Hungerphase zu viel Eiweiß und zu viel Zucker aufnimmt, riskiert das gleichzeitige Auftreten einer Eiweiß- und Zuckervergiftung.

Refeeding-Syndrom Risikofaktoren

Folgende 16 Faktoren erhöhen das Risiko, nach einer Hungerdiät oder nach dem Fasten ein Refeeding-Syndrom zu entwickeln:

  1. AIDS
  2. Alter über 70
  3. Chronischer Alkoholismus
  4. Chronische Unterernährung
  5. Durchfall und Erbrechen
  6. Elektrolytmangel
  7. Falsche Ernährung nach einer Diät / Hungerperiode
  8. Gewichtsreduktion bei fettleibigen (adipösen) Menschen
  9. Krebs
  10. Längeres Fasten (Nahrungskarenz)
  11. Magenbypass-Operation
  12. Magersucht (Anorexia nervosa)
  13. Marasmus oder Kwashiorkor
  14. Mineralstoffmangel
  15. Verdauungsstörungen
  16. Vitaminmangel

Beim Auftreten eines oder gar mehrere Risikofaktoren sollte die Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Refeeding-Syndrom vermeiden

Nach langen Hungerperioden, bei Mangel- oder Unterernährung, bei Magersucht (Anorexia nervosa) und anderen Gesundheitsrisiken sollte die Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr unter ständiger ärztlicher Aufsicht erfolgen.

Das Risiko, bei der Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr ein Refeeding-Syndrom zu entwickeln, lässt sich mit den folgenden 3 Empfehlungen minimieren.

1. Mikronährstoffe und Vitamine

Wenn Du eine Hungerkur beendest und wieder mit der Nahrungsaufnahme beginnst, solltest Du vom ersten Tag an 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit genügend Wasser und folgende Nahrungsergänzungsmittel zuführen:

  • Phosphat (PO42-: 0,5-0,8mmol/kg/Tag 48-76mg/kg/Tag)
  • Magnesium (0,3-0,4mmol/kg/Tag oder 7,3-9,7mg/kg/Tag)
  • Kalium (1-3mmol/kg/Tag bzw. 39-117mg/kg/Tag)
  • Vitamin B1 (Vitamin B-Komplex mit 50-250mg B1)

Am besten ist ein gut resorbierbarer Multimineralkomplex, der auch die Mineralstoffe Kalzium, Zink, Eisen, Kobalt, Mangan, Selen, Kupfer, Chrom, Molybdän und Jod in angepassten Mengen enthält. Mehr als die oben genannten Mengen sollten nicht verabreicht werden, da auch dies zu schwerwiegenden Komplikationen (Hyperphosphatämie) mit Todesfolge führen kann.




Mögliche Flüssigkeitsdefizite (Dehydratation) sollten vor der Mahlzeit ausgeglichen werden.

2. Kalorienzufuhr

Wer mehr als 5 Tage gehungert hat, sollte in den ersten 4 Tagen nach der Hungerperiode täglich max. 10kcal/kg Körpergewicht zu sich nehmen. Wenn keine Komplikationen auftauchen, kann die Kalorienmenge nach 4-7 Tagen langsam erhöht werden (alle 3-4 Tage um 300-400kcal).

Wer mehr als 14 Tage lang gehungert oder einen BMI unter 14 hat, sollte in den ersten drei Tagen nur 5kcal/kg und Tag zu sich nehmen (Quelle: NICE National Institute for Health and Clinical Exellence).

3. Kalorienzusammensetzung der Nahrung

Die NICE-Empfehlungen für die Zusammensetzung der Nahrung nach einer Hungerkur folgen den üblichen kohlenhydratlastigen Ernährungsempfehlungen (50-60% Kohlenhydrate, 30-40% Fett und 15-20% Protein), die aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinen, weil sie ein ungesundes Stoffwechselmilieu schaffen, insbesondere nach einer Nulldiät oder dem Fasten.

10 ErnährungstippsHungerstoffwechsel Traumfigur

  1. Verzichte, insbesondere in den ersten zwei Wochen nach der Diät oder dem Fasten, auf den Konsum von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln und Getränken, um hohe stoffwechselbelastende Blutzuckerschwankungen in der postprandialen Phase (postprandial: nach dem Essen / Trinken) zu verhindern, eine ungesunde Fetteinlagerung zu vermeiden und das Risiko eines Refeeding-Syndrom zu minimieren.
  2. Die tägliche Kohlenhydratzufuhr sollte unter 20% des täglichen Kalorienbedarfs liegen.
  3. Die tägliche Fettzufuhr sollte über 60-65% des täglichen Kalorienbedarfs liegen.
  4. Die tägliche Eiweißzufuhr sollte 15-20% des täglichen Kalorienbedarfs ausmachen.
  5. Die verspeisten Kohlenhydrate sollten ausschließlich komplexe nicht isolierte/nicht raffinierte Kohlenhydrate und ballaststoffreiche Lebensmittel sein.
  6. Die zugeführten Fette sollten nur gute Fette von hoher Qualität und Güte sein! Öle aus Plastikflaschen sind ungesund und enthalten in der Regel große Mengen an Chemikalien und Umweltgifte! Verwende nur kaltgeschlagene native Öle aus erster Pressung, z. B. Olivenöl, Leinöl und Kokosfett. Keine Transfette!
  7. Iss nur gutes Eiweiß, also möglichst wenig rotes und noch weniger verarbeitetes Fleisch (Wurst, Salami, Aufschnitt). Kombinierte pflanzliche Eiweißquellen mit hoher biologischen Wertigkeit und Fisch aus Wildfang sind gute Eiweißquellen.
  8. Wenn diese Ernährung gut vertragen wird, sollte die täglich zugeführte Proteinmenge zulasten der Kohlenhydratmenge schrittweise auf 1,1-1,5g Eiweiß/kg Körpergewicht gesteigert werden, bis das Eiweißdefizit behoben ist.
  9. Trink in jedem Fall genügend Wasser oder ungesüßten Kräutertee.
  10. Achte in jedem Fall auf gesunde Ernährung.

Mit den oben genannten Empfehlungen lässt sich das Refeeding-Syndrom-Risiko minimieren. Die Gefahr, nach einer Diät mehr zuzunehmen, als aus gesundheitlicher und ästhetischer Sicht ratsam wäre, kann durch diese Ernährungsempfehlungen reduziert werden.

Ende des Hungerstoffwechsels

Die Realimentation wird als Teil des Hungerstoffwechsels aufgeführt, weil die Nahrungszufuhr zwar den Hunger beendet, nicht aber den Hungerstoffwechsel!

Der in der frühen Hungerphase durch Adaptive Thermogenese verlangsamte Stoffwechsel wird mit der Rückkehr zur normalen Ernährung nicht normalisiert, sondern besteht meist solange fort, bis die mühsam abgehungerten Pfunde wieder da sind, wo sie waren, auch wenn dies sechs Jahre oder länger dauern sollte.

Der Körper scheint sich – wie nach einem lebensbedrohlichen Trauma (griech.: Trauma „Wunde“: starke seelische oder körperliche Verletzung) – Jahre lang an eine längere Hungerperiode zu erinnern und mit allen Mitteln darum zu kämpfen, seine verlorenen Fettreserven wieder auf den Stand vor der Diät zu bringen UND zu vergrößern, um künftige Hungerzeiten besser überstehen zu können. Die Regeneration der verlorenen fettfreien Proteinmasse (innere Organe, Bindegewebe, Knochen, Muskulatur) scheint für den Stoffwechsel demgegenüber nachrangig zu sein.

Studien zeigen: Je höher der Körperfettanteil vor Beginn einer Diät war und je weniger Kalorien man während der Diät zuführt, umso mehr der überschüssigen Kalorien werden nach dem Ende der Hungerphase in Körperfett umgewandelt und umso weniger investiert der Stoffwechsel nach dem Ende der Diät in den Aufbau der verlorenen fettfreien Körpermasse. Anders gesagt:

Je dicker man vor der Diät war und je schneller man abnimmt, desto schwerer wird es, sein Gewicht nach der Diät zu halten.

So verhindert der Hungerstoffwechsel das Abnehmen

Der Hungerstoffwechsel führt dazu, dass der tägliche Kalorienverbrauch nach dem Ende der Diät um bis zu 600kcal unterhalb des normalen Kalorienbedarfs liegen kann. Würde man sich nach einer Hungerkur also an dem Kalorienbedarf orientieren, der für sein Gewicht und seine Körperzusammensetzung normal wäre, würden die vom Hungerstoffwechsel täglich eingesparten 300-600 kcal in Fett umgewandelt werden und jeden Monat zu einer Gewichtszunahme von 1-2 Kilogramm in Form von reinem Körperfett führen.

Wenn Du das Gefühl hast, nicht mehr zu essen als Deine gleichaltrigen, gleichgeschlechtlichen, gleich schweren und gleichgroßen Freunde und trotz vergleichbarer Lebensumstände immer dicker als Deine Freunde wirst, dann hast Du wahrscheinlich einen verlangsamten Stoffwechsel, den Du beschleunigen solltest.

7 Abnehmentipps

  1. Ernähre dich gesund!
  2. Bewege Dich jeden Tag so viel wie möglich und treibe regelmäßig so viel Sport wie möglich. Das sorgt für einen guten Schlaf, zügelt den Appetit, hilft beim Abnehmen und bei der Stressbewältigung und macht Deinen Körper fit, gesund, straff, schlank und sexy. Oder willst Du nur in Klamotten gut aussehen?
  3. Ändere Deine Lebensgewohnheiten und Deine Einstellung!
  4. Sorge dafür, dass sich der Stoffwechsel beim Abnehmen und danach nicht verlangsamt und nutze jede Möglichkeit zum Stoffwechselankurbeln.
  5. Umgib Dich mit guten Freunden, in deren Nähe Du Dich wohl fühlst.
  6. Liebe, lebe und lache jeden Tag so viel wie möglich. Essen sollte kein Ersatz für Langeweile, Frust, Trauer oder aufgegebene Träume und Visionen werden. Löse Deine Probleme, eins nach dem anderen! Lebe Deine Träume und Visionen.
  7. Finger weg von Hungerkuren, Blitzdiäten, Nulldiäten, Crashdiäten und dergleichen, es sei denn sie sind medizinisch notwendig.
  8. Bei einer Diät achte darauf, zumindest so viele Kalorien zu Dir zu nehmen, dass Dein sich jeden Tag ändernder Grundumsatz gedeckt ist.

Wie das genau funktioniert, erfährst Du in den Beiträgen dieses Blogs und im Folgebeitrag „Hungerstoffwechsel vermeiden“.

Falls Dir der Beitrag zum Hungerstoffwechsel gefallen hat, freue ich mich über Deine Weiterempfehlung und Unterstützung.

Zum Anfang des Beitrags Hungerstoffwechsel

  1. Postabsorptive Phase
  2. Frühe Hungerphase
  3. Späte Hungerphase
  4. Stabile Hungerphase
  5. Auszehrungsphase
  6. Realimentation

Lies dazu folgende Artikel:



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